LAHNUFER. Nicht nur ein Roman an wunderbaren Orten und Momenten des Studentenlebens...

...sondern auch These zu einer erweiterten und ganzheitlichere Ausbildung am Individuum im Studium und die Theorie eines Kompositionsprinzips, welches Klassische Musik / Kompositionsweisen und Popularmusik idealerweise miteinander zu verschmelzen vermag.

Um es vorweg zu sagen: ich habe niemals in der beschriebenen Stadt gelebt oder studiert.  Aber ihre Orte, ihre Atmosphäre, ihre Einzigartigkeit in Alt und Neu haben mich immer wieder inspiriert. Alles das hat kleine Episoden in mir entstehen lassen, welchen in meinem Roman LAHNUFER zusammen kommen durften. Diese Episoden deuten an, erzählen niemals alles zu Ende. Das ist mir wichtig und das halte ich in allen meinen Schriften so, da ich die Leserin und den Leser aktiv auf dieser Reise mit dabei haben möchte. Und jeder denkt die Geschichte mit seiner eigenen Erfahrung und seinen eigenen Gefühlen den Situationen gegenüber weiter - das ist mir persönlich beim Schreiben das Wichtigste.

Photo by M. Zosel 2015
Photo by M. Zosel 2015

Und in meinem Schreiben sind es die Orte, die Situationen, die Räume, in welchen sich die Akteure begegnen können. Sie sind die Hefe oder das Treib-mittel für eine Erzählung. Die beschriebenen Stadt hat so viele davon und ist reich mit derlei Eindrücken gesegnet. Marburg an der Lahn, der Name wird im Roman kein einziges Mal genannt, reicht dem dafür empfänglichen Besucher diesbezüglich die Hand. Leicht romantisch verklärt könnte man sagen, da weht ein Zauber. Ich persönlich bevorzuge allerdings: dort sind Räume. Räume, die eine individuelle Ausgestaltung ermöglichen. Da wird es jetzt wieder wesentlich.

Ich habe in einer anderen Stadt studiert. Auch wir hatten dort Studentenleben, das nicht so ganz anders gewesen sein dürfte, als das dort beschriebene Leben im allmählichen Erwachsenwerden, Selbstständigkeit und Standpunktsuche,  einer eigenen akademischen und öffentlich vertretbaren Weltansicht. Ich hatte das große Glück Dozenten gefunden zu haben, die gerade das Individuelle forderten und nicht nur ausschließlich die Pflicht der Kür forderten. So konnte Studium Abenteuer werden und ästhetische Momente standen den kognitiven wie selbstverständlich anbei. Ich wünsche diese Kreativität neben dem Pflichtduktus eines Studienweges jeder Studentin und jedem Studenten. Das ist der grundlegende Ansatz dieses Romans. Es dürfen sich daher Idyllen entwickeln, die später eine angenehme und wertvolle Erinnerung ermöglichen. Carolin studiert innerhalb der erzählten Geschichte Medizin, geht aber parallel in wunderbaren Maltechniken ihrer Bildern auf. Derlei Kontraste können Persönlichkeiten, gerade in diesem Alter und Entwicklungsstufe, sehr positiv ergänzen oder sogar vervollständigen. Das darf er an dieser Stelle - muss er sogar vielleicht und einen ganzheitlich, akademisch gebildeten Menschen hervorzubringen. Und alles wird verbunden und verwoben, von der ganz eigenen Kunsthausatmosphäre, die alle Individuen miteinander auf einer Metaebene zu verbinden scheint. Es gibt in der Stadt ein Kunsthaus, allerdings nicht so, wie ich es in LAHNUFER beschrieben habe. Das ist alles erdacht. Von der Form des Hauses, bis hin zu dem Besitzer. Lediglich das Bildgeschäft mit Bildrahmungen existiert an der Straße der Altstadt.

Photo by M. Zosel 2015
Photo by M. Zosel 2015

Dieses erdachte Kunsthaus ist letztlich ein Refugium, welches jederzeit betreten werden kann und welches zum in vielfältiger Weise zum Schaffen anregt. Individuellem Schaffen innerhalb einer immer existenten Gemeinschaft andrer Schaffender, ähnlich motivierter Mitstreiter. Der Gedanke daran, dass die einzige Bezahlung dafür eine regelmäßige Ausstellung der eigenen werke sein muss, hat mir beim Schreiben viel Freude bereitet. Es ist ein Ideal, welches ich so gerne wirklich einmal in Realität sehen würde. Die Möglichkeit wird in der Geschichte von dem Laden und Kunsthausbesitzer offeriert, dessen Geld von seiner viel zu früh verstorbenen Frau, eben genau für diesen Zweck, stammt. Ein wunderbares Vermächtnis, nicht wahr?

Dass das nicht auf die Gegenliebe aller stößt, dürfte genauso klar sein. So, wie auch Strömungen innerhalb der Studierenden, die eher zum Extrem in allen seinen Ausprägungen tendieren. Johanna, die in dieser Art zum Aktionismus neigt und für ihre Vegane Liga eintreten möchte wäre das Beispiel dafür. Sie kann mit diesem kreativen Bereich so gar nichts anfangen. Aber an der Reibung mit diesem Charakter formen sich andere in einer Selbstreflexion, die ohne dieses doch etwas überzogene Negativbeispiel nicht möglich gewesen wäre. es sind letztlich, wie erwähnt die Idyllen, die prägen - die lange anhalten können, selbst wenn die beschriebene Zeit schpn längst verweht scheint.

 

Hier nun einige ausgewählte Kapitel.

Ein Auszug aus dem Roman LAHNUFER (2015):

 

In dem ersten Ausschnitt, befinden wir uns bei dem allabendlichen Treffen des "Clubs der hl. Dreifaltigkeit"  (!) in einem der Biergärten der Stadt Johannas Vorschlag stößt dabei nicht unbedingt auf Gegenliebe und spontane Begeisterung.

 

Kapitel |13  

„Rucola mit Feta, das soll hier sehr lecker sein!“ und eine daneben sitzende Studentin nickte mit dem Kopf.

„Und der Mozzarella mit Tomate soll hier ein sagenhaftes Dressing haben“ Dann nickte die andere Studentin ebenso unterstützend mit ihrem eigenen Kopf der gleichen jungen Frau zu, die zwischen beiden saß und mittlerweile unsicher hinsichtlich ihrer Essenswahl für den heutigen Abend geworden war.

„Also, so ein Salat mit Putenbrust, oder vielleicht ein paar Chips mit Dip, ich weiß ja nicht…?“ kam es von einer anderen, auf der anderen Seite des Tisches.

„Also mich kannste gern haben mit totem Tier, ich bleib bei meinem Bier!“ fiel Johanna mit sehr starkem Ton in die sehr unterhaltsame Runde ein.

„Aber ich hab Hunger, ich brauch jetzt was. Irgendetwas muss man doch essen“ das kam nun von der Tischgenossin, die gerade den Mozzarella mit Tomate vorgeschlagen hatte. Hörte man genau hin, klang es mitunter sogar ein wenig schnippisch Johanna gegenüber.

Doch es war Katharina, die neben der Essenswahl die Frage stellte, die sich viele an dem heutigen Tage schon selbst gestellt hatten: „Johanna, sag‘ einmal. Was ist das jetzt für eine Aktion, die wir noch nicht besprochen haben, die du aber schon zu planen scheinst?“

Johanna nahm gerade einen großen Schluck aus ihrem Bierglas und freute sich sichtlich über Katharinas Frage. Das war daran zu merken, dass sie sich mit einem Mal am Tisch aufrichtete, sich gerade setzte und ihr Bierglas bedeutungsvoll auf den Tisch abstellte.

„Gut, dass du fragst, liebe Katharina, ich…“ und in diesem Moment unterbrach sie ihren eigenen Satz, da einige der am Tisch Anwesenden immer noch nicht mit der Auswahl fertig waren und ihr nicht ganz zuhörten.

„Ja, ja, wie hören ja“ und mit einer leichten Handbewegung deuteten sie Johanna an, fortzufahren. Sie mussten dabei sogar ein wenig kichern. Dies allerdings hinter vorgehaltenen Händen, damit es Johanna nicht sah.

„Es gibt eigentlich zwei Aktionen, die,“ und sie fuhr an dieser Stelle ganz bewusst jedes Wort betonend fort, „unsere Gruppe zu gewisser Aufmerksamkeit  in der Öffentlichkeit bringen würde.“ Spätestens jetzt schauten alle Anwesenden, die um den Tisch herum saßen, zu ihr herüber.

Sie genoss sichtlich die nun aufgebaute Spannung und die Erwartungshaltung hinter jedem der Augenpaare.

„Das erst wäre eine Sprühaktion in der Neustadt, oder sogar hier oben in der Altstadt. Das gab es schon lange nicht mehr und…“, doch weiter kam sie nicht, denn nicht nur die Baguettes und die Salate kamen soeben, sondern auch die Aufmerksamkeit der Anwesenden war schon wieder leidlich erschüttert.

„Ach, Johanna, das kannst Du doch nicht machen!“, rief die eine.

„Das ist doch eine Schweinerei!“ rief die andere, von der anderen beflügelt, hinterher.

Eine dritte schloss sich der Kette an.

„Also ich mag das alles hier sehr. Ich möchte nichts verschmieren oder einsauen. Mal ehrlich, was ist das denn für ein Blödsinn?“ und weitere schüttelten zustimmend den Kopf im Gleichklang dieser letzten Bemerkung.

„Also Mädels, nun hört doch mal auf, ich habe mir wirklich Gedanken gemacht. Wir brauchen langsam mehr Action und Aufmerksamkeit. Seid ihr mit allem einverstanden, was um euch herum passiert? Wollt ihr nicht gehört werden?“ und Johanna schaute nach ihren Worten in viele der Gesichter, musste zu ihrer Enttäuschung aber feststellen, dass sich einige in der Gruppe einfach nur wohl fühlten und somit weniger an Auf-sehen, in der Art wie sie es meinte, interessiert schienen.

„Außerdem, stell dir einmal vor, wir werden erwischt, dann fliegen wir von der Uni. Ich weiß nicht, wie ich das meinen Eltern erklären sollte?“ sagte eine vierte Anwesende, die sich nun traute, ihr Wort in der Runde hören zu lassen.

„Also, ich mach da nicht mit. Unsere Treffen sind Klasse, aber das ist Käse, wirklich!“ und sie beugte sich daraufhin über ihren Salatteller, strich ihre langen blonden Haare auf der einen Seite hinter ein Ohr und begann den Salat zu essen.

„Ist schon klar, Mädels”, sagte sie tief enttäuscht und nahm einen weiteren großen Schluck aus dem Bierglas, welches danach leer vor ihr stand.

„Lasst es euch noch schmecken, ich will nochmal los!“ sagte sie, schob ihren Stuhl nach hinten, verabschiedete sich kurz und verließ die essende Runde.

Alle anderen unterbrachen kurz.

„Ist die jetzt angezickt, oder was?“

„Weiß nicht, aber kann schon sein“ und eine Dritte fügte hinzu: „War aber auch eine beknackte Idee, oder?“

Danach aßen alle weiter und lachten, bestellten noch Getränke und lösten sich eine Stunde später auch schon wieder auf. Man traf sich ja vormittags in dem alten Unigebäude wieder.

Annemarie und Katharina gingen danach zu zweit noch ein Stückchen durch die Gassen der Altstadt. Einige Meter nach dem Verlassen des Bistros hatten sie noch kein Wort gewechselt.

„Was hat Johanna da bloß vor?“ begann Annemarie vorsichtig.

„Sie macht halt ihr Ding, das ist ja ganz o.k.!“ erwiderte Katharina

Na, so ganz ihr alleiniges Ding ist es nicht, wenn sie allgemeine Plätze in irgendeiner Form beschmieren möchte, das ist dann schon kriminell!“

„Ja, schon“, war das einzige was Katharina darauf zu antworten wusste.

Na, mal sehen was morgen ist“, fügte sie ihrem Satz noch einige Moment später an, bevor sie sich von Annemarie verabschiedete und in eine dunkle Seitengasse bergauf einbog.

„Lass‘ dir den Aufstieg nicht zu schwer werden!“ rief ihr Annemarie nach und musste dabei noch ein paar Schritte über ihre eigene Ironie lächeln.

 

In dem nun folgenden Ausschnitt, befinden wir uns auf dem Vorplatz des Kunsthauses. Cynthia arbeitet mit Schrott und Müll um daraus Skulpturen oder andere Arbeiten zu erstellen. Knuth hingegen ist ein überaus sympathischer Lyriker mit einem allerdings mehr als trockenen Humor.

 

Kapitel |14   

Ein wenig impulsiv ordnete Cynthia ihre Materialien für neue Skulpturen eigentlich immer, wenn sie gerade frisch im Innenhof des Kunsthauses lagen. Zumeist war es nur ein Berg, ein Wust, wie sie es selber gerne nannte, der dann in verschiedene Formen und Größen auseinander dividiert wurde. Nachdem vor kurzem auch erst Kasper über ein solches Sammelsurium gestolpert war, gab sie sich diesmal Mühe um einiges schneller zu sein und in ihrem Arbeitsraum mit der Arbeit beginnen zu können.

Und sie war gerade auch deswegen nicht gerade leise an diesem Tag. Sie kniete schlichtweg zufrieden vor dem Haufen, sie musste in diesem Moment der einzige Mensch auf Erden gewesen sein, der einen Haufen Müll anbetete und ging so ihrer Sortierarbeit nach.

Und da sie mit dem Rücken zum Eingang des Innenhofes saß, sah sie auch Knuth nicht kommen, der sogleich die Augenbrauen etwas anzog und sie mit dem folgenden Satz begrüßte: „Ach, Liebchen, gab es wieder nichts anderes zum Spielen für uns als Müll?“ Und er war in Erwartung einer aufkeimenden Konversation mit seiner Kunstkollegin. Doch nichts geschah.

„Ganz taub ist sie schon geworden von dem Lärm des 21. Jahrhunderts, herrje…“ und sein Ober-körper beugte sich ein wenig über die kniende und arbeitende weibliche Person.

„Knuth, sieh zu, dass du Land gewinnst und quatsch mich hier nicht so zu – kein Gedicht auf Lager?“ Cynthia drehte sich bei diesen Worten nicht um und wuselte weiter vor sich hin.

„Was braucht‘s ein schriftlich Gedicht, wenn ein wunderbar Gedicht in Gestalt und Person vor mir kniet?“ und ein schnippisches Lachen bemächtigte sich seines Gesichtes, ein wenig stolz derart trocken gekontert zu haben.

„Knuth, du nervst gerade wirklich! Geh‘ weiter und kümmere dich um deinen Kram, aber verdufte hier. Ich kann das heute gerade nicht haben.“ Jetzt schaute sie ihn zum ersten Mal sehr entschlossen und ein wenig aggressiv an.

Ach, Liebchen, nicht doch dieser Ton in ….“, doch sie fuhr inmitten seines Satzes auf und durchtrennte diesen mit ihren Worten, wie mit einem scharfen Messer.

Ich bin nicht dein Liebchen, kapiert?“.

Und Knuth versagte sich einen weiteren Kommentar, auch wenn es ihm gerade ziemlich schwer fiel. Er bedauerte das wirklich.

Ein wenig erschrocken ob ihres scharfen Tones schaute sie etwas verlegen im Inneren des Gebäudes herum, aber keiner schien zugehört zu haben. Sie war darüber ein wenig erleichtert, denn das mit Kasper war schon peinlich genug gewesen. Dann wurde sie wieder ein wenig milder in ihrem Ton Knuth gegenüber.

„Knuth, ich frotzle gerne mit dir, aber ich muss die Sachen hier heute noch wegsortiert bekommen, o.k.?“ Und mit diesen Worten buhlte sie, wieder einen Schritt zurücktretend um seine Nachsicht auf ihre Gereiztheit.

„Aber ein bisschen riecht es schon, oder?“ sagte er, darauf bedacht seine Figur in diesem Abtausch zu wahren.

„Man bekommt es halt nicht ganz sauber…“ und sie beugte sich wieder vornüber und begann weiter ihrer Sortiertätigkeit nachzugehen.

Knuth stand noch einen kleinen Moment schräg hinter ihr, keinesfalls verständnisvoll nach-gebend und ging dann doch ein wenig später. „Na, dann mach es gut und viel Erfolg weiterhin“, waren seine Worte und er schlenderte lässig an ihr vorbei. Sie antwortete nichts darauf und schüttelte noch einmal wortlos den Kopf in Richtung des Müllberges.

 

Mit einem Mal taten ihr aber die Knie weh, sie hatte sie Knieschoner oben im Arbeitszimmer liegen gelassen. Als sie auf dem Hof einige Momente gesessen hatte, stand sie auf und ging an den Rand des Hofes, wo sie sich auf eine der Bänke setzte und ihren Zigarettentabak aus der Brusttasche des Hemdes holte um sich eine Zigarette zu drehen. Sie sah außerdem hinaus zu Knuths Zimmer, der schon sein Fenster geöffnet hatte und laut berühmte Gedichte zu lesen  begann. Er tat das oftmals. Heute war es wohl Walt Whitman in Originalsprache. Interessant dabei war allerdings, wie der Wind seinen Vorhang vor dem Zimmerfenster tanzen ließ und Knuth nur als undeutliche Kontur, mehr oder weniger verzerrt, je nachdem, abgebildet war. Als sie ihre Selbstgedrehte mit dem kleinen Bic Feuerzeug entzündete, musste sie ein wenig in sich hinein schmunzeln und blies den Rauch der Zigarette schräg nach oben von sich weg.

 

Annemarie und Cynthia sind gute Freundinnen im Studium geworden. Vom Charakter her sehr unterschiedlich, ergänzen sie einander bei gemeinsamen Unternehmungen. Sie haben für diesen Abend eine Einladung zu einem abendlichen Treffen an einem mehr als bemerkenswerten  und ungewöhnlichen Ort bekommen. Sie kommen dieser Einladung nach und...

 

Kapitel |18 

Cynthia war den folgenden Tag gerade aus einem Geschäft hinaus gegangen, als plötzlich das Mobiltelefon klingelte. Am anderen Ende war Annemarie.

"Hey Cynthia, wie geht's?" Cynthia schien etwas überrascht hinsichtlich des Sprachtempos, welches sie von Annemarie so nicht gewohnt war. Und ehe sie antworten konnte, fuhr Annemarie fort…

"Was machst du gerade?"

"Ich war gerade in dem freakigen Laden, in dem es die abgefahrenen Klamotten gibt. Du weißt doch, welchen ich meine?"

"Klar doch. Aber pass mal auf."

Wieder ging das Gespräch in einem Tempo weiter, das Cynthia spätestens jetzt stutzig machte.

"Annemarie, was gibt‘s? Schieß los!"

"Mach ich ja gerade. Also, ich habe eben mit ein paar ganz gut bekannten Jungs aus der Juristik gesprochen. Da findet heute Abend etwas statt."

"Wo, in der Uni?" Cynthia war eigentlich der noch verrücktere Charakter von beiden, nahm aber hier noch die zurückhaltendere Position ein.

"Nein. Nun lass mich doch erst einmal ausreden. Nicht in der Uni. Hinter so einem alten Tor unterhalb des Schlosses. Du weißt doch, die Treppe zu dem Café hoch."

"Was soll das werden? Eine Grufti-Fete mit pseudo-esoterischem Quatsch oder so…? Annemarie ich bitte dich!"

"Jetzt mal ganz ruhig. Viel abgefahrener. Die lesen seit neuestem dort regelmäßig alte Philosophen und haben ein bisschen Community, verstehst du?"

"Und der Haken?"

"Kein Haken! Wir sollen bloß 'ne Flasche Wein mitbringen - oder 'ne Kleinigkeit zu futtern. Ist doch aufregend - oder?"

"Wann?"

"Heute um 22.00 Uhr. Du kommst doch mit?"

"Meinetwegen. Aber wenn das zu strange wird, dann sind wir wieder weg, in Ordnung?"

"Logisch. Wie immer. Weißt du doch."

Und von der anderen Seite war nur noch ein leises Unterbrechen der Verbindung zu hören. Cynthia schmunzelte ein wenig.

"Annemarie, Annemarie..."

Und sie ging fort von dem Schaufenster ihres Lieblingsladens, vor dem sie die ganze Unterhaltung lang gestanden hatte.

Es war etwas nach 22.00 Uhr. In dieser Stadt gab es viele alte Tore, die scheinbar sinnlos irgendwo hinführten. Zu alten Gärten, die längst über-wuchert waren, zu Hauseingängen oder zu verborgenen, wunderbaren Gärten. Dieses Tor war aus verrostetem Metall, das lange schon nicht mehr gestrichen wurde. Ranken diverser Pflanzen schmeichelten sich fast zärtlich an die Gitter, die mühsam noch ein paar Blätter alten Anstriches erfolglos festhielten. Das Tor lag, wie beschrieben, unterhalb des Cafés am Fuße des Schlosses. Ein letzter Treppenabschnitt zwang so manchen abendlichen Passanten noch einmal tief Luft zu holen, um diese abschließende Passage zu meistern. Höhnischerweise hatten längst abgegangene Studenten Krankheiten mitsamt ihren lateinischen Fachausdrücken an die gut lesbare Seite der Stufen geschrieben. Der aufwärts Steigende musste sie zwangsläufig lesen. Aber in diesen Tagen waren sie schon stark verblichen.

Auch Cynthia schnaufte ein wenig und dachte über die momentane Verrücktheit ihrer Freundin nach. Sie kannte heute Abend voraus-sichtlich niemanden und dies bereitete ihr ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube.

Das Tor war nur leicht angelehnt und sie hörte Stimmen von hinter der alten Mauer kommen.

"Ah, da bist Du ja endlich." Annemarie begrüßte ihre Freundin herzlich und freudig mit zwei Küssen auf die Wangen und nahm sie an die Hand.

"So etwas hast du nicht gesehen. Total ab-gefahren, was gleich passiert."

"Na, wenn du meinst. Lass' uns mal sehen."

"Abwarten. Ich habe ein tierisch freudiges Gefühl. Komm...!"

Das Tor quietschte ehrfurchtsvoll, ob der Jahre, die es nun schon überstanden haben musste. Dann plötzlich war man in einem anderen Raum. Die Ranken hatten den Blick von außen fehlgeleitet, hier drinnen sah es wesentlich ordentlicher aus. Eine kleine Terrasse, die gefüllt war mit jungen Leuten, die wiederum philosophische Texte einander vorlesen wollten. Einer stand mit einer alten gebundenen Ausgabe von Platon schon bereit um anzufangen. Er sah die beiden jungen Damen an, und als sie sich dazusetzten, eröffnete er mit erstaunlich feierlichen Worten die Lesung.

"Das hat so ein bisschen was vom Klub der toten Dichter, oder?"

"Pssst", zischte ein Student, der neben Cynthia saß, ihr lächelnd von der Seite zu. Sie lächelte verlegen zurück.

Annemarie schmiegte sich an ihr linkes Ohr.

"Alles angehende Juristen mit einem Faible für die Philosophie."

"Und wir Naturwissenschaftlerinnen mitten unter ihnen", erwiderte Cynthia mit einem breiten Lächeln.

"Lass man, das verbindet!", und schon entfernte sie sich wieder von dem Ohr ihrer Freundin und lauschte andächtig und fast seufzend ob der hier gerade herrschenden Atmosphäre.

Cynthia studierte im 5. Semester Biologie, Annemarie im gleichen Semester Chemie. Und das hier die Chemie zu stimmen schien, das glaubte sie bereits jetzt festgestellt zu haben.

Weitere Studentinnen und Studenten trafen ein und es wurde langsam voll auf der bemessenen alten Terrasse. Man trank Rotwein aus Flaschen, aß dunkle Oliven und Fladenbrot, das einige auf dem Weg hierher bei einem türkischen Kleinwarenhändler gekauft hatten. Cynthia schien es, als ob auch ein oder zwei junge Dozenten hier mit von der Partie waren. Sie wusste es aber nicht genau, sie vermutete es nur.

Sie lasen nacheinander das "Symposion" von Platon. Und irgendwie wirkte das alles nicht wie ein altehrwürdiger philosophischer Text über dem man gewöhnlich in Vorlesungen schwitzte, sondern ganz natürlich und manchmal sogar modern - auf jeden Fall aber irgendwie selbst-verständlich.

Der Student neben ihr sprach sie plötzlich an und Annemarie schaute ebenfalls neugierig in seine Richtung: "Das erste Mal hier?"

"Ja. Ist interessant bei euch."

"Freut mich. Herzlich willkommen bei uns."

"Warum macht ihr das?"

"Na, als Gegenpol zu unserer Juristik und weil wir die Texte allein sowieso nicht lesen würden. Hier macht's mehr Geselligkeit und daher auch Freude."

"Verstehe. Wie heißt du?"

"Torben und du bist die ...?"

"Annemarie!"

"Oh, ein schöner Name."

Schon wieder passierte etwas, was sie in Verlegenheit brachte. Und sie glaubte zu bemerken, dass sie ein wenig rot auf den Wangen wurde. Aber das musste der Rotwein sein - logisch.

Cynthia lächelte sie an und setzte erneut einen verklärten Blick in Richtung des gerade Lesenden.

"Schön ist das. Auf eine ganz eigene Art schön." Und irgendwie sprach sie damit ungewollt Annemarie aus tiefster Seele. Auch die Kinoabende waren toll, die Bistroabende, die spontanen Feiern in irgendeiner bekannten Wohnung. Aber das hier war ganz anders.

Und sie dachte zurück an Claudia. Die Jugendfreundin aus ihrem Heimatort. Die treulose Tomate, die alles mit ihr hier durchstehen wollte und die nun das Schönste verpasste. Psychische Probleme mit dem Studium. Na, ja. Leicht hatte es keiner, der gut sein wollte. Aber nach drei Semestern gleich mit starken psychischen Problemen zu kommen.

"Entschuldige, sagtest du etwas?", Torben lächelte sie wieder von der Seite an.

"Nein. Nicht. Sorry." Und er drehte sich wieder zur anderen Seite. 

Und Annemarie wunderte sich, wie selbst-verständlich ihr die Tore dieser Stadt waren, die sie täglich passierte. Und bis jetzt hatte sie sich noch niemals nach dem "Dahinter" gefragt, was wirklich dort verborgen lag. Das war ihr fast ein wenig unheimlich gewesen und sie wollte es an sich selbst nicht fassen.

Als Cynthia und Annemarie abschließend, um sich ein wenig aufzuwärmen, morgens um halb zwei noch in einem ihrer Lieblingsbistros den Abend beschlossen, waren sie sich einig, dass das eine sehr gute Idee gewesen war. Und beide lachten noch viel. Und Cynthia versank öfters für einen kurzen Moment in ein kleines Nachdenken.

 

Und durch das Fenster des Bistros, an dem die beiden saßen, konnte sie eine wunderbare junge Pflanze sehen, die in einem alten Steinkübel wuchs, in dem schon viele Pflanzen vorher gestanden haben mussten. 

 

Das Interessante bei der Gemeinschaft im Kunsthaus ist gerade das Spontane und Unerwartete. Tom kommt an diesem Abend gerade in seine triste Studentenwohnung und alles ändert sich, mit einem unerwarteten Anruf Carolins. Tom, Carolin, Theodorus und Knuth sind im Übrigen auch die Hauptcharaktere des Romans.

 

Kapitel | 22 

Tom kam an diesem Abend unruhig in sein Zimmer zurück und setzte sich genauso unruhig auf einen am Rand der kleinen Studentenwohnung stehenden Stuhl.

Kam man in diese Wohnung des Studienheims hinein, so war da zunächst ein kleiner Flur, der in das große Zimmer führte, das zwei Drittel der Wohnfläche ausmachte. In diesem Wohnzimmer stand sein Bett und schräg in der linken Ecke, vor dem Fenster, sein Schreibtisch. Drehte man sich weiter links herum, so kam als nächstes ein kleines Bad.

Ein Kochplatz war die linke Seite des Eingangsflures. Er vermied, es dort allzu oft zu kochen, da kein Abzug vorhanden war. Eigentlich war einer vorhanden, aber der funktionierte seit erdenk-lichen Studientagen nicht mehr - zumindest seitdem er hier wohnte.

In der rechten Seite des Flures war eine kleine Tür, die zu einer Abstellkammer mit begrenztem Stauraum führte. Hier hatte er sich auch einige Stangen montiert, an denen er seine Kleidung aufhängen konnte, ohne dass sie gleich verknitterte.

Tom war völlig überdreht ob des aufregenden Tages, den er gerade hinter sich gebracht glaubte. Er wurde nicht ruhig. Vorhin noch das Gespräch mit Sybille hinsichtlich des Ballettes und noch weiterer Dinge, die demnächst anstanden. Irgendwie spürte er in den Momenten Zuneigung zu ihr, in denen sie gerade über den Stress mit ihrem Ex berichtete. Absurd, denn Sybille war lieb und nett und sehr verständnisvoll, ohnedies sympathisch, aber Weiteres schloss sich aus, sie war gar nicht sein Typ gewesen. Aber an einem solchen verrückten Tag, den nur die Laune der Natur bestimmte, fühlte es sich für einen Moment so an. 

Aus den Nachbarzimmern waren Geräusche zu hören. Türen knallten. Geschirr klirrte irgendwo. Worte - überall waren Worte, unverständlich aber vertraut, in verschiedenen Sprachen dieser einen Welt.

Lachen. Im Hof, auf dem Weg und in den Fluren des Studentenhotels hier auf dem Berg. Benannt nach einem berühmten Naturwissenschaftler, der später mit seinen Produkten ein Segen seiner Umwelt werden sollte.

Es fühlte sich wie Sehnsucht an, vielleicht ein leichter Hauch von Liebe, die nur mit einer Note von Zärtlichkeit verbunden war.

Und immer wieder die Geräusche dieses Studentenwohnheims mit all seinen Facetten gegenwärtigen Seins.

Was machte Sybille gerade? War sie schon wieder mit dem Ex beschäftigt, musste sie vielleicht gerade  eine SMS beantworten - nach vielen vorher beantworteten? So gesehen war es nicht die Einsamkeit, die er gerade zu spüren geglaubt hatte, sondern er war froh, dass es ihm so gut ging, diese Probleme nicht zu haben. Da war er gerade drauf gekommen. Einfach so aus den Gedanken über Sybille - als plötzlich sein Mobiltelefon eine SMS ankündigte.

"Ruf mich zurück. Carolin."

Tom betätigte die Rückruffunktion und wunderte sich über die von den Fingern verschmierte Scheibe seines Smartphones.

"Schön, dass du gleich zurückgerufen hast! Theodorus hat spontan sein Zimmer frei gegeben und zeigt seine Bilder. Die aus den letzten vier Wochen. Der Kerl ist verrückt! Komm' und schau es dir selber an. Ich warte auf dich. Beeil dich!"

Und sie legte so schnell auf, dass er keine Chance gehabt hätte, eventuell nein zu sagen. Carolin machte das immer so - sie war ein Wirbelwind, wenn es um solche Happenings ging. Also nahm er sich einen dickeren Pulli mit und ging hinaus in den frühen Abend, der schon sonderbar mild für diese Jahreszeit erschien - prima Klima für Frühlingsgefühle eben.

Er war Carolin jetzt schon dankbar gewesen. Sie hatte ihn aus der plötzlichen Leere seines Zimmers befreit gehabt. Diese Leere kam nicht oft vor, aber sie war manches Mal schon existent gewesen. Und wie ein kleiner Junge, der sich auf etwas Wichtiges freute, lief er die Gassen der Oberstadt hinunter, singend, tänzelnd und voller Vorfreude, dass der Abend noch diese Wendung nahm. Das war gut so.

Als er den Innenhof des Kunsthauses betrat, kamen ihm schon die Geräusche der An-wesenden entgegen. Nicht so wie in dem Wohnheim, anders, weil noch ausgelassener.

Zwei Kästen Bier standen im Flur vor Theodorus Raum und einige der Mitbewohner verteilten sich dort interessiert. Er hatte die gesamte Fläche für seine sehr großformatigen Bilder genutzt. Und inmitten dieses ersten Eindruckes kam auch schon Carolin auf Tom zu.

"Habe ich dir zu viel versprochen?" Und der Rotwein schaukelte in dem Wasserglas verdächtig hoch den Rand hinauf.

"Schau dir nur mal an, wie viel Farbe der auf ein Bild aufträgt. Kein Wunder, dass sie ihn in seiner letzten WG das Malen verboten haben. Das muss doch ausgedunstet haben - und wie lange!"

"Ich wusste noch gar nicht, dass sie ihm das Malen verboten hatten..."

Carolin fasste Tom an der Seite und lächelte ihn an. Aber der Glanz in ihren Augen überstrahlte alles andere. Und Tom war nun völlig verwirrt. Und ein wenig Benommenheit konnte man ihm nicht absprechen.

"Ich hole mir erst einmal ein Bier", sagte er und Carolin nickte.

"Ich bin vorne bei Knuth und Theodorus, die beiden schieben sich so witzig die Bälle zu..." und schon war sie den Gang entlang im besagten Zimmer entschwunden.

 Und es wurde ein guter Abend, weil gute Abende eben immer auf diese Art und Weise un-angekündigt begannen.

 

Annemarie ist eine sehr ordentliche und anständige Person. Berauscht durch die Gruppe und Johanna hat sie sich in eine Aktion mit hineinziehen lassen, bei der sie gerade beinahe von der Polizei aufgegriffen wurde. Mit ihrer Flucht und einem unerwarteten Treffen beginnt das nun folgende Kapitel.

 

Kapitel | 25 

Als Annemarie die Brücke verließ, über die sie noch eine Stunde zuvor relativ leicht und gut gelaunt gekommen war, zitterte sie am ganzen Leib und hatte das Gefühl, sie würde jeden Moment in sich zusammenfallen. Vom schnellen und hastigen Rennen schmerzten ihre Bronchien und die Beine, die doch sonst alles mitmachten, waren schwer wie Blei und ließen sich kaum voran bewegen. Und immer war die Angst dabei, das Polizeiauto von eben, oder ein anderes, würde gleich von der Straße her anfahren, neben ihr halten und sie mitnehmen. Es war lange her gewesen, dass sie so Angst gehabt hatte. Noch nie allerdings, hatte sie sich derart gefühlt.

Als sie bergan in die Altstadt eintrat und etwas des Weges schon gegangen war, konnte sie ein unheimliches Quieken von der einen Straßenseite hören. Sie zuckte zusammen, da sie nicht wusste, wo es herkam. Es klang wie das Tor eines alten Gartenzuganges, so wie ein lange nicht benutztes und verrostetes Garagentor - oder zumindest so etwas in dieser Art.

Als sie vor sich schaute, wurde es mit einem Mal noch unheimlicher, denn eine dunkle Gestalt mit übergeworfener Kapuze schien direkt auf sie zuzuschreiten. In ihrer Aufregung sah sie es wie in einer Zeitlupe und ergab sich innerlich dem Schicksal, was ihr nun bestimmt sein würde. Dass der ganze Abend eine ziemlich blöde Idee gewesen war, das musste sie sich in dieser Situation und nach all dem Erlebten nun nicht mehr sagen.

"Annemarie bist Du das...?"

"Huch...! Wie...Wer...?" - dann setzte ihr Sprachapparat völlig aus.

"Annemarie! Mensch, hätte dich beinahe gar nicht erkannt. Was ist denn los?"

Und wenn es eben am Flussufer noch ein Weinen der Angst war, so war es jetzt eines der ganzen Erleichterung, die sich ein Mensch in dieser Situation vorstellen konnte.

"Gott sei Dank! Du bist es...!" und sie umarmte Cynthia, die gerade aus dem Kunsthaus kam so herzlich, wie sie es noch niemals vorher getan hatte. Diese nahm ihren Kopf vor ihre Brust und wärmte ihn, als sie bemerkte, wie verschwitzt die junge Frau war, die sie da in ihren Armen hielt.

"Komm' heute mit zu mir. Dusche, Glas Wein und dann schlafen...! Komm!"

Und Annemarie war mehr als dankbar für diesen Vorschlag - genauso, wie für die Bestimmtheit, mit der er von Cynthia ausgesprochen wurde. Sie nickte einfach nur und ergab sich ihrer nächt-lichen Fürsorge.

Ein halbe Stunde später saßen beide in Cynthias Wohn-und Schlafzimmer und ein großformatiger Kunstdruck der Mona Lisa schaute zufrieden, mit einem bemerkenswerten Joint im Mund, auf sie herab.

"Was hast du eigentlich heute gemacht? War's  ein Kerl?" und Cynthia füllte die beiden Rotwein-gläser. Dass es mittlerweile ein Uhr durch war, störte sie beide nicht.

"Nein, eigentlich darf ich gar nicht...!"

Cynthia schaute etwas pikiert in die Richtung ihrer Freundin.

"Na klar! Man darf dich nachts retten und dann noch Geheimnis. So ist die Welt - heureka...! Hmm, der Wein ist nicht schlecht."

Annemarie schaute zu ihr hinüber und beobachtete, wie sie trank.

"Nee!"

"Was, nee?

"Nee, war eine Aktion der Schwestern des Clubs der Heiligen Dreifaltigkeit..."

"Du lieber Himmel, geht's noch? Nachts?"

"Klar, nachts! Wir wollten ein paar tags auf der anderen Uferseite anbringen - so, als Aktion, weißt du?" und jetzt bekam Annemarie etwas sehr Kleinkindliches. Sie merkte, dass sie ihrer Freundin zumindest eine plausible Erklärung schulden würde.

Diese nahm es eher gelassen und wurde fast ein wenig euphorisch hinsichtlich des Weines, den sie miteinander teilten. Sie schaute zu ihr hinüber.

"Du weißt, dass das illegal ist. Du fliegst letzten Endes von der Uni, wenn rauskommt, dass du mitgemacht hast."

"Ich hab' aber nicht gesprüht...! Ich habe..."

"Mitgefangen, mitgehangen..."

"Ja, klar. Ist auch logisch. Es war aber auch eine dämliche Idee!"

"Von wem?"

"Natürlich von Johanna. Die wollte überall in der Stadt das blutrote VL-tag stehen haben."

"VL...?"

"Vegane Liga..."

"Was für ‘n Scheiß!" und Cynthia war kurz davor zu lachen.

"Lass' das, die Lage ist zu ernst!", sagte sie ein wenig verbittert.

"Na, mach mal halblang. Hat dich einer gesehen?" Und jetzt setzte Cynthia einen sehr starken Blick auf.

"Ich glaube nicht", erwiderte Annemarie etwas kraftlos.

"Nein, ich glaube nicht."

"Ist doch in Ordnung. Hör' mit dem Mist in dieser Gruppe auf. Wenn da demnächst nichts mehr kommt, sei froh und lass' den Blödsinn einfach!"

"Ja - klar. Mach' ich doch!"

"Außerdem, trink' mal was von dem Wein, ich will nachschütten. Der schmeckt!"

Und mit einem Mal machte sich ein Lächeln auf den beiden Gesichtern der jungen Frauen breit, das beinahe in einem herzlichen und befreiten Lachen geendet hätte. Beinahe.

 

Carolins Eltern missfällt ihre künstlerische Tätigkeit im Kunsthaus parallel zum regulären und ordentlichen Studium. Sie verstehen nicht und wollen daher einen Studienplatzwechsel, obwohl sich die Tochter in diesem Gefüge mehr als wohl zu fühlen scheint. Das folgende Kapitel beschreibt genau die Entscheidungssituation und einen Anruf der Eltern hinsichtlich einer solchen Entscheidung. Schön dabei kommt auch die WG-Gemeinschaft in einem der Häuser am Fluss mit Isi und Charlie dabei durch.

 

Kapitel | 64 

Es gibt Tage, die sind immer schon ein wenig mehr Tage Frühling als eine Handvoll davor - oder eine Handvoll danach. Dieser Tag war einer davon und Carolin fiel es am Spätnachmittag auf, als sie das Fenster ihres Zimmers öffnete, welches auf den langsam vorbeifließenden Fluss zeigte. Warmer Sonnenduft stieg ihr sofort in die Nase und ein milder Wind umschmeichelte ihr Gesicht. Dazu kamen die Geräusche der Vögel, die so ebenfalls nur nach dem langen Winter sangen. Weiterhin die ersten Gesprächslaute der Menschen, die sich mit diesem beginnenden Gefühl wieder am Flussufer sammelten. Sei es nun direkt am Wasser oder etwas oberhalb an der großzügig erweiterten Promenade, die entlang dem Fluss führte.

Lichtblitze flackerten von der Wasserfläche auf, die, von Westen her kommend, auf sie zuströmte. Es war ein wunderbarer Tanz ungenannter Tänzerinnen und Tänzer, zu einer Musik, die der Moment gestaltete. Ein Boot fuhr ebenfalls durch die Szenerie und hinterließ seine Spuren in Form von kleinen, aber beständigen Bugwellen in einiger Entfernung.

Carolin drehte sich um und ging kurz noch einmal zurück in ihr Zimmer. Sie holte ihre halbleere Schachtel Zigaretten und begab sich wieder in dieses Bild hinein, welches sie fast magisch anzuziehen schien.

"Oh, du hast schon, gib' mir auch noch was davon...Isi!"

"Warte doch...!"

Außerhalb des Raumes klangen die beiden Stimmen ihrer beiden Mitbewohnerinnen und Carolin musste immer wieder lächeln. Sie entzündete sich die erste Zigarette und stellte den kleinen Aschenbecher aus Steinware vor sich auf die Fensterbank.

Sie hatte noch nicht ganz ausgeatmet, da öffnete sich mit einem Mal die Zimmertür hinter ihr. Sie erschrak ein wenig.

"Ich rieche Zigarette... Tausche Glas Wein gegen eine von deinen - na, wie wär‘ es?" und Carolin schaute in ein breit grinsendes Gesicht einer gutaussehenden und gutgelaunten Frau, die immer ein wenig jünger erschien als sie wirklich war.

"Klar! Komm' her, die Schachtel ist hier"

"Oh, ja...!"

Doch Isi kam nicht gleich, sondern flitzte erst einmal in die Küche, um Carolin ein Glas zu holen. Spätestens jetzt musste Carolin ein weiteres Mal schmunzeln.

"Oh Isi, nicht schon wieder!", klang es aus Charlies Mund.

"Das ist doch für Caro...!"

"Na denn..." und die raschen Schritte näherten sich wieder dem wunderbaren Spätnachmittags-flussblick.

"Danke, Isi!" und Carolin hielt die geöffnete Schachtel ihrer Freundin hin, die sich sogleich bediente und auch nach ihrem Feuerzeug griff.

"Der ist ja gar nicht mal schlecht!", erschrak Carolin ein wenig beim ersten Probieren des Rotweines und sie zog ihre Stirn ein wenig in positiv überraschte Stirnfalten.

"Ich habe ihn ja auch besorgt...!", klang es mit Charlies Stimme zwei Zimmer weiter entfernt und daher ein wenig gedämpft.

"Hab' ich ja auch gekauft...", imitierte Isi ihre Mitbewohnerin echoartig und zog genüsslich an der soeben entzündeten Nil.

Carolin öffnete jetzt auch noch die zweite Fensterhälfte, doch der Griff klemmte ein wenig. Bevor sie aber ihr Weinglas abgestellt hatte, sprang er auf und der Schwung brachte auch ihre andere Hand in Unruhe, so dass sie ein wenig des Rotweines verschüttete und er auf einen auf-geschlagenen Aquarellmalblock tropfte.

"So ein Mist...!", rief Carolin erschrocken auf. Doch sie schaute auch, wie gebannt, was mit diesem Rotweinfleck auf dem chamoisfarbenen und relativ dicken Papier passierte. Die Flüssigkeit des Weines wurde relativ schnell in das Papier eingesogen und nur die roten Pigmente aus der Weintraubenschale verblieben blütenartig auf dem Papier. Sie wirkten nun aber nicht mehr rot, sondern eher in einem altrosafarbenen Ton auf dem beigen Untergrund.

Instinktiv nahm Carolin einen kleinen Pinsel, den sie neu gekauft hatte und eigentlich schon zum Kunsthaus mitnehmen wollte. Sie strich durch die Restfeuchte dieses Ereignisses und bemerkte, wie gut sich die Pigmente verstreichen ließen.

"Du bist und bleibst ein Spielkind, Caro!", schmunzelte Isi mit dem ausgeblasenen Rauch, lässig an das Fensterbrett gelehnt.

"Aber schau nur mal, wie gut das geht! Hier, sieh!" und Isi musste eingestehen, wie mit wenigen Bewegungen dort auf dieser blanken Fläche etwas sehr Schönes entstand.

"Nee, es sieht wirklich gut aus. Cool!" und Isi drückte ihre Zigarette im Aschenbecher auf der Fensterbank aus und eilte wieder hinaus aus Carolins Zimmer.

"Hmmm", brummte Carolin, kaum hörbar, vor sich hin - als plötzlich ihr Telefon läutete.

Widerwillig nahm sie ihre Augen von dem Bild und schaute auf das Display, welches die Nummer und den Namen ihrer Eltern anzeigte. Sie nahm den Anruf an.

"Carolin, Liebes. Wie geht es dir?"

"Danke Mama -  gut!"

Sie wusste um den Grund des Anrufes und merkte, wie schwer ihre Glieder mit einem Mal wurden. Carolin holte tief Luft und schaute wieder hinaus in die Fluss- und Promenadenlandschaft im Spätnachmittagssonnenschein. Doch, ganz anders als noch vor einigen Momenten, bebte es in ihr und die Ruhe schien hinfort.

"Wir wollten uns für die nächsten Tage bei dir anmelden. Papa und ich haben doch einiges mit dir zu besprechen. Du weißt, worum es geht?"

"Natürlich weiß ich das."

"Dann ist es gut!"

Und sie verabredeten sich und Carolin war es, als stünde sie ein wenig neben sich und eine ganz andere, ihr nicht unähnliche Frau würde mit ihrer Mutter telefonieren.

Asche fiel ihr auf den Boden, als sie das Gespräch beendete und sie zitterte am ganzen Körper. Sie nahm noch einen großen Schluck, der in dem Glas aus Isis Hand verblieben war und merkte, wie ihr fast schlecht darauf wurde. Und als sie einige Minuten später immer noch auf das mittlerweile dunkle Display ihres Mobiltelefons schaute, brachte sich der Fluss mit seinen Geräuschen wieder bei ihr in Erinnerung. Die Geräusche drangen von hinten durch die beiden geöffneten Fenster-flügel an ihre Ohren und rissen sie so wieder aus der Lethargie eines vergangenen Anrufes.

 

In der Wohnung, hinter der angelehnten Zimmertür, waren immer noch Isi und Charlie sich miteinander am unterhalten. Ihre etwas entfernten Stimmen mischten sich mit dem Bild vor Carolins Augen. Und als diese sich eine weitere Zigarette entzündete und sich langsam wieder zu beruhigen schien, zog ein weiteres Boot im westlichen Verlauf des Flusses durch den lang gezogenen Widerschein auf der Wasserfläche, die es förmlich aufzulösen schien und mit sich in eine andere Wirklichkeit nahm.

 

LAHNUFER

Roman (2015) | 336 Seiten

Alle Rechte / Copyright beim Autor  (M. Zosel)

ISBN: 1508883513

 

Soweit die Auszüge aus dem Roman. Es ist nicht Sache des Autors seine Arbeit zu erklären oder zu interpretieren - diese Auszüge sollen lediglich beispielhaft darstellen und einen Einstieg in das Thema so vor Augen führen und erleichtern. Nicht mehr, nicht weniger.

 

Die musikalischen MehrRaumCollagen sind mein persönlicher kompositorischer Weg, klassische Musikeinheiten in idealen Einklang mit Popularmusikeinheiten zu bringen. Der Begriff stammt von mir selbst, auch, wenn sich die Formulierung der Räume etwas an die Praktiken von John Cage (amerikanischer Komponist 1912-1992) anlehnt. Auch im Roman kann ich das nur andeuten, da es kein Sachbuch ist, sondern sich im Feld der Belletristik bewegt. Ich behalte mir aber einen BLOG-Artikel zu diesem Thema für einen späteren Moment vor, denn zur Erläuterung dieser Technik braucht es mehr Platz, als hier sinnvoll wäre.

Phato by M. Zosel 2015
Phato by M. Zosel 2015

Der Roman LAHNUFER ist daher viel, viel mehr als nur ein belletristische Momentaufnahme studen-tischen Lebens in einer wunderbar anmutenden Stadtszenerie, die durch das vorbei fließenden Fluss ihren so typischen Charakter, ihre so typische Atmosphäre bekommt. Der Titel verhehlt das nicht, sondern stellt das heraus.

UND IM NACHHALL GELEBTER TAGE ERWAR-TET DICH MIT WEIT AUSGEBREITETEN ARMEN NEUES - IMMERFORT !

Lahnufer, die Geschichte eines etwas anderen Studiums an einem einzigartigen Ort in ganz eigener Atmosphäre.

Ich darf allen, die in diese Welt eintauchen wollen, viele Freude damit wünschen. Ich selbst bin gern immer wieder in dieser Stadt und lasse mich weiter inspirieren - auch wenn die Geschichte längst schon geschrieben ist.

Was bleibt ist die Möglichkeit, das jede Leserin und jeder Leser seine eigene Geschichte daraus erdenkt und in Gedanken für sich fortführt.

Interessiert geworden, das Buch selbst zu lesen?

Erhältlich ist das Buch über drei Wege:

 

1. Über die Buchhandlung EULENSPIEGEL am Marktplatz in 34225 Baunatal.

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