Schuberts Unvollendete -Eine persönliche Betrachtung des Anfangs vom zweiten Satz der Symphonie

Diese Betrachtung muss wohl persönlich ausfallen, da jedwede Musikbetrachtung einzig nur von der hörenden Person her betrachtet werden kann, nicht durch die Ohren eines anderen Menschen.

Diese Betrachtung soll aber auch gleichzeitig eine unbedingte Aufforderung zu einer eigenen und persönlichen Betrachtung der Leserin und  des Lesers sein. 

 

Die musikalische Grundlage wird deshalb in Videoform eingefügt und ermöglicht dadurch das Bilden eben dieser eigenen Meinung.

 

Ich habe mich persönlich, obwohl ich zumeist in populären Musikstilen tätig war, immer auch mit der klassischen Musik beschäftigt und auch selbst Werke in diesm Stil geschrieben (Baunataler Messe, Nordhessische Liedstücke, u.v.m.) - das immer neben den Produktionen der Alben und CDs im Singer-Songwriter Bereich.

An dieser Stelle möchte ich einen sehr berühmten klassisch-symphonischen Satz in Licht rücken, der mir selbst immer sehr viel Freude gemacht hat und mit zu meinen liebsten symphonischen Musiken gehört, auch wenn ich noch unzählbar viele andere davon habe.

 

Wer möchte, der folge mir hier auf dem Wege einer sehr grundlegenden Musikbetrachtung zum einen, ob des die Musik überhaupt gibt, geben kann, dem symphonischen Satzanfang selbst und hinsichtlich dem Nebeneinander von populärer und klassischer Musik.

 

Grundlegend sei festgestellt, dass zu keiner Zeit es so leicht war Musik reichhaltig zu hören, wie heute. Sei es durch das mannigfaltige Rundfunkangebot, sowie auch die Möglichkeit an fast alle Musik über Musik-Streaming-Dienste in kürzester Zeit über das Mobiltelefon zu gelangen, welches heute den Menschen täglicher und unabdingbarer Begleiter im Alltag zu sein scheint.

Und trotzdem ist die Kluft zwischen der sogenannten „klassischer Musik“ und der „populären Musik“ niemals größer geworden.

 

Für die Anhänger der „klassischen Musik“ zählt diese in Vordergrund und als gesellschaftliche Essenz und lediglich diverse Formen des Jazz haben für sie eine Berichtigung hinsichtlich der täglichen und unkomplizierten Alltagsmusik. 

Die andere Gruppe, die schier unerreichbar weit von der zuerst genannten Gruppe scheint, konsumiert die popular-musikalischen Angebote diverser Jugendrundfunksender oder der eigenen Playlists auf den Mobiltelefonen. Das betrifft nicht nur die Jugendlichen, auch deren Elternteile oder generell Erwachsene.

 

Carl Dahlhaus und Hans Heinrich Eggebrecht haben sich in einer sehr grundlegenden Schrift mit dem Titel „Was ist Musik“ darüber reflektiert. Dieses 'was' sollte man sehr groß Schreine und dazu noch doppelt unterstreichen. Eine durchaus sehr spannende Frage, denn Musik ist nicht nur jederzeit verfügbar, sondern auch so selbstverständlich wie nie geworden. Noch vor einigen Dekaden musste man selbst ein Instrument spielen, wollte man Musik haben. Oder man musste zumindest das Geld besitzen, um ein reichhaltiges Angebot an Musikstilen von Tonträgern genießen zu können.

Bezüglich dem, was Musik eigentlich sei, dort zu lesen: „Man kann sagen, niemand weiß, was Musik ist, oder auch: jeder weiß es anders und letztlich nur für sich. Wüßten wir es alle gleich und wüßten wir es ein für allemal - was wäre es dann?“ (Q 1: Dahlhaus/Eggebrecht, S.8)

Bezüglich dieses gap zwischen U- und E-Musik ist dort weiter zu lesen: 

„Die Konvention, dass es im Deutschen sprachwidrig ist, zu dem Wort ‚Musik’ einen Plural zu bilden, wird seit einigen Jahren unter dem Druck von Schwierigkeiten, die durch die Fesselung an den Singular entstehen, immer häufiger durchbrochen, ohne daß das stilistische Unbehagen, das zugleich ein sachliches ist, bereits behoben wäre. (…) Greifen also die Konsequenzen, die aus dem Kollektivsingular erwachsen, unmittelbar und mit großer Tragweite in die musikalisch-soziale Realität ein - eine Realität, die von der Dichotomie zwischen E- und U-Musik bestimmt wird, wobei das neutralisierende Wort ‚Musik‘ ein gravierendes Problem darstellt als die umstrittenen Chiffren ‚E‘ und ‚U‘ (…)“(Q 1: Dahlhaus/Eggebrecht, S. 9 & 11)

 

Besonders absurd wird dann die ganze Situation, wenn sich die immer gleiche Handvoll Leute zu den Uraufführungen moderner klassischer Musik einfinden und dem gegenüber sogar Filmmusik-Konzerte gegeben werden, um überhaupt den Konzert- oder Opernsaal ganz zu füllen. Daneben läuft die gutbürgerliche Mittelschicht, mit dem Konzert- und Theaterjahresabonnement. Alles ganz wunderbar und weitab von dem, was es vielleicht eigentlich sein sollte. Ich weiß, dass ich an dieser Stelle etwas überzeichne und übertreibe. Nichtsdestotrotz ist diese Situation vielmals augenfällig.

 

 

Nun darf man allerdings auch nicht den Fehler begehen und aus den Augen verlieren, dass selbst Schubert schon in diesen Nöten stand. Sein Verleger forderte eher die viel populäreren Lieder von ihm, als Instrumentalkompositionen von symphonischer Größe. Und das ganz einfach deswegen, weil erstere viel besser zu verkaufen waren und der Gewinn damit letztlich erträglicher.

 

Mir persönlich galt es immer schon als gedankliche Basis und auch Grundlage, und ich halte es sehr mit dem Singular ‚die‘ Musik, dass alle Musik letztlich einen Hintergrundhorizont und wenn man so will, eine reiche Farbpalette der Musik ganz allgemein bildet. Betrachtet man diesen Horizont nicht gesamt, dann gehen Farben der Palette unwiederbringlich verloren. Musik wird dann nur von einer Seite beleuchtet und nicht von den vielen möglichen Farben. In meinen 10 Jahren der musikalischem Ausbildung an der Universität hat sich dies nur gefestigt, obwohl der junge und noch relativ unerfahrene Singer-Songwriter Markus Zosel immer schon in diesem damaligen Studenten veranlagt war und sich auch seit dem zwölften Lebensjahr in dieser Weise immer schon ausgedrückt hatte. Ich bin persönlich im Übrigen immer wieder froh, dass die Neugier dieses Studenten sich niemals gelegt hat und mit den Jahren nur noch intensiver geworden zum sein scheint. Die Studienobjekte von damals erscheinen immer wieder genauso faszinierend und einige der Stücke haben an Eindruck nicht verloren. 

Dazu gehört die „Unvollendete“ von Franz Schubert, einem Komponisten an der Brücke zwischen Klassik und Frühromantik, wie wir es heute bezeichnen würden. Er selbst hätte sich sicherlich nicht derart zugeordnet. Kurt Paulen schreibt dazu: „Am 22. Oktober 1822 begann er die Niederschrift einer neunen Sinfonie, aber wieder wollte es das Schicksal, dass er sie umvollendet ließ. Er beendete zwei Sätze, und notierte einiges wenige für den dritten und vierten, doch er arbeitete es nicht mehr aus, obwohl er noch sechs Jahre Leben vor sich hatte und noch mindestens eine, möglicherweise sogar zwei weitere Sinfonien schrieb.“ (Q 2: Pahlen, S. 269)

Bezüglich des zweiten Satzes schreibt er: „Das Andante con moto beginnt mit zwei düster-feierlichen Bläserakkorden und langsamen Pizzicati der tiefen Streicher. Dann singen die Geigen eine traurige Melodie.“ (Q 2: Pahlen, S. 270)

 

Nein, ist nicht! Sie ist nicht traurig, sie ist auf irgendeine Weise tröstend - tröstend mag das richtige Wort sein. Trost in einem sehr universellen und allgemeinen Sinne und gar nicht so sehr auf eine spezielle Situation bezogen. Aber hören wir doch an dieser Stelle an diesen Anfang des zweiten Satzes hinein...

Aufnahme mit Herbert von Karajan

Hans Gal beschreibt diese Musik, als sein „populärstes Werk und ein Kronjuwel abendländischer Musik“ (Q 3: Gal, S. 155)

Und weiter: "Das Werk bedarf keines Kommentars. Das Herrliche, das Schubert hier gelungen ist, besteht darin, dass er von Anfang bis zu Ende, seiner Natur getreu, Lyriker bleiben konnte und dennoch die Weite der Aspekte und die dramatischen  Kontraste gefunden hat, die zu einem großzügigen symphonischen Stil gehören.“ (Q 3: Gal, S. 155) 

Doch, doch! Der Kommentar zu diesem Werk muß sein, allerdings behält Gal mit dem erst seiner Aussage völlig Recht. Jeder, der sich den Satz, und übrigens auch den ersten Satz anhört, wird dies feststellen können. Und da ist etwas, was Gal sehr gut hervorhebt, was auch schon fast im Bereich des Vergessenen zu sein scheint. Nämlich hinsichtlich der Melodie selbst:

„Der zivilisierte Mensch ist in Gefahr, Urphänomene zu vergessen, weil er in einer Welt abgeleiteter Folgerungen lebt. Es scheint heute angezeigt, daran zu erinnern, dass die Melodie ein solches Urphänomen ist und dass es niemals eine Periode der Geschichte gegeben hat, zu der die Melodie nicht die Essenz dessen gewesen wäre, was Menschen sich unter Musik vorstellten. (…) Die Musik wäre keine hochentwickelte Kunst geworden, hätte sie nicht über dieses Urphänomen hinaus die subtilsten Ausdrucksmittel gefunden.“ (Q 3: Gal, S. 44)

 

Recht hat er, bleibt man bei der Dur-Moll-tonalen Musik. Doch in unserem Fall ist es gar nicht die Hauptmelodie, sondern vielmehr die Nebenmelodie/die zweite Stimme in den Celli, die diesen unaussprechlichen Akzent in die Musik setzten. Schauen Sie selbst und hören Sie die Stelle einfach noch einmal mit dem beigefügten Partitur-Ausschnitt. 

Die ersten Klänge gehören zunächst noch zum ersten Satz. Mit den Hörnern und den Geigen beginnt dann der hier besprochene zweite Satz...

 

Franz Schubert: Die Unvollendete / h-Moll / D 759. Breitkopf und Härtel. Wiesbaden, S. 56. Taschenpartitur (Auszug).

 

Eine Symphonie (moderne Schreibweise: 'Sinfonie') ist letztlich nichts anderes als eine Sonate für Orchester. Sie hat für gewöhnlich mehr als zwei Sätze. Deswegen wird die h-Moll Sinfonie Schuberts, dessen zweiter, langsamer Satz hier besprochenen ist, als „unvollendet“ bezeichnet. Diese Form lag beständig einer Veränderung zugrunde. Allein das Schaffen Beethovens mag dafür in seiner Formreichhaltigkeit und seinen Formexperimenten Beispiel genug dafür sein. Und wie unterschiedlich kann diese Form sein, wenn man eine Haydn-Sinfionie mit der von Anton Bruckner oder der von Gustav Mahler typischen Struktur vergliche. Es ist letztlich unmöglich und so findet auch Schuberts nicht beendete Symphonie ihren Platz in deren Mitte. Wer näheres wissen möchte schlage den Begriff in einem Musiklexikon oder in Wikipedia nach.

 

Als Resümee bleibt ein Stück Schönheit beinahe unvergänglich vor dem Ohr der Hörern oder des Hörers. Schönheit in dem Aufruf, die ganze musikalische Palette zu betrachten und nicht nur den kleinen Ausschnitt des alltäglich genutzten medialen Musikangebotes, welches letztlich fantastisch ist und förmlich zu vielerlei akustischen Unternehmungen einlädt. Und eine ganz persönliche Bitte, die sich von meiner Seite an dieser wunderbare musikalisch vielfältige Angebot anschließt: Beurteilen wir von jemandem Jugendlichen/Erwachsenen Selbstverfasstes nicht gleich mit den Attitüden wie, das klingt wie der oder der. Auch hier zählt etwas, das ich persönliche Vielfalt nennen möchte und das in keinem Fall durch eine solche Äußerung im Keim erstickt werden sollte. Faszinieren sich Jugendliche auch für diese reiche Farbpalette der Musik, so stärke man sie darin und in ihren vielleicht noch bescheidenen und nachahmenden Versuchen, denn man kann man das alles wirklich selbst auch lernen, die alten Komponisten mussten dies auch tun. Aber die Faszination und die Neugier daran, das ist der Beginn von allem was dann folgen mag.

Die Musikschulen und Universitäten/Konservatorien freuen sich selbstverständlich über steten und motivierten Nachwuchs im Bereich der Komposition und in aktiven Bereichen des tieferen Musikverständnisses.

 

Kurt Pahlen schreibt dazu in der Widmung eines Buches, welches ich hier schon zitiert hatte: Er widmet dieses Buch gerade und besonders "...jenen, die trotz allem niemals das Licht aus den Augen verloren haben, dass als des Menschen größtes Abenteuer voranleuchtet: dem Schaffen" (Q 2: Pahlen, S. 5)

 

Viel Freude nun mit dem Beginn des zweiten Satzes oder auch dem ganzen zweiten Satz aus Schuberts "unvollendeter Symphonie"....

 

 

 

Literarische Quellen:

Q 1: Dahlhaus, Carl/Eggebrecht, Hans Heinrich: Was ist Musik? In: Schall, Richard (Hrsg.) Taschenbücher zur Musikwissenschaft, Band 100. Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshafen, (3.Aufl.) 1991.

 

Q 2: Paulen, Kurt: Sinfonie der Welt. Schweizer Verlagshaus, Zürich. (3. Aufl.)1987.

 

 

Q 3: Gal, Hans: Franz Schubert oder die Melodie. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1992.

 

Q 4: Franz Schubert: Die Unvollendete / h-Moll / D 759. Breitkopf und Härtel. Wiesbaden, 1990. S. 56. Taschenpartitur (Auszug).

 

 

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